Historische Keramikplatten sind faszinierende Objekte, die oft eine reiche Geschichte und kulturelle Bedeutung aufweisen. Die Herstellung von Keramikplatten begann bereits in Zeiten der Antike. Erste Techniken zur Herstellung von Keramik wurden nachweislich in Ägypten, Mesopotamien und China entwickelt. Noch heute sind diese Zeitzeugen sowohl bei archäologischen Ausgrabungen als auch in historischen Bauten erstaunlich gut erhalten – so auch beim Hof zu Wil, dessen Tonplatten bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. In diesem Themenblatt zeigen wir am Beispiel des Hofs zu Wil, wie die historisch wertvollen Plattenbeläge mit grosser Handwerkskunst und Sorgfalt sowie Respekt vor dem Original erhalten und saniert werden konnten. Gefragt waren dabei vor allem Herzblut und Erfindergeist, denn wie sich zeigte, lassen sich solche Aufgaben kaum mit Standardlösungen bewältigen.

Der Begriff Keramik leitet sich aus dem altgriechischen Wort kermos ab und bedeutet so viel wie «gebrannter Ton» oder «gebrannte Erde». Durch seine positiven Eigenschaften ist Keramik heute als Baumaterial nicht mehr wegzudenken. Alte Keramikplatten variieren stilistisch stark: Sie können handgemalte, glasierte oder unglasierte Oberflächen aufweisen und sind oft mit traditionellen Mustern, floralen Motiven oder historischen Szenen verziert. Einige Platten sind bekannt für ihre speziellen Glasurtechniken, wie zum Beispiel die berühmte italienische Majolika.
Im Laufe der Jahrhunderte erlebten Keramikfliesen verschiedene stilistische und technologische Entwicklungen. In der Renaissance wurden sie oft kunstvoll gestaltet und waren ein Zeichen von Wohlstand und Stil. Im 19. und 20. Jahrhundert führten industrielle Herstellungsprozesse zu einer breiteren Verfügbarkeit und einer Vielzahl von Designs, Farben und Formen. Heute ist die Verwendung von Keramikfliesen als dekorative Elemente in modernen Architektur- und Innendesignprojekten weit verbreitet. Aktuelle Trends umfassen grosse Formate, natürliche Oberflächenstrukturen und nachhaltige Materialien. Ihre Vielseitigkeit und Langlebigkeit machen Keramikfliesen nach wie vor zu einer beliebten Wahl für Bauprojekte.

Im Altbau schätzen Bauherren und Planer historische Keramikplatten nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihrer Authentizität und der Geschichte, die sie erzählen. Die rustikale und natürliche Ästhetik antiker Keramikplatten weist je nach Zeitepoche und Nutzung eine grobe, unglasierte Oberfläche auf, die ihnen einen traditionellen und handwerklichen Charme verleiht. Diese Platten überzeugen dekorativ ebenso wie funktional, auch wenn sie bei der Pflege im Vergleich zu glasierten oder digitalgedruckten Oberflächen etwas mehr Aufmerksamkeit benötigen.
Zu diesen antiken unglasierten Bodenbelägen gehören auch die Tonplatten, wie sie im Hof zu Wil verlegt wurden. Wegen ihrer italienischen Herkunft werden sie als Cottoplatten bezeichnet – eine spezielle Art von Keramikplatten, die in der Regel aus Ton hergestellt und gefertigt werden. Cottoplatten haben eine lange Tradition und sind besonders in verschiedenen Regionen Italiens verbreitet, wo sie oft in ländlichen Gebieten hergestellt wurden. «Cotto» was auf italienisch «gebrannt» bedeutet, bezieht sich auch hier auf den Brennprozess. Durch den hohen Brenngrad (ab ca. 800 °C) wird eine lange Haltbarkeit erreicht. Der rötlich-braune Ton verleiht den Platten anschliessend ihr charakteristisches Aussehen.

Weit über die Grenzen der Stadt und Region Wil hinaus gilt der Hof zu Wil als eines der wertvollsten Kulturgüter. In seiner über 800-jährigen Geschichte hat er viel erlebt: 500 Jahre Äbtezeit und knapp 200 Jahre Bierbrauerzeit hinterliessen Spuren. Seit 1978 steht das imposante Bauwerk unter Bundesschutz, seit 1990 ist es als Baudenkmal von nationaler Bedeutung eingestuft. Ab 1994 wird die stete Sanierung des Hofs zu Wil vorangetrieben.
Der Rückbau der historischen Tonplatten startete im Sommer 2023 und erforderte ein hohes Mass an Sorgfalt und Fingerspitzengefühl. Die ursprüngliche Verlegung erfolgte direkt im Mörtelbett (nass in nass). Über die Jahrhunderte hatte sich der Zustand des Bodenbelags verschlechtert und so mussten die gewonnenen Tonplatten Stück für Stück gereinigt und aufgefrischt werden. Anschliessend wurden sie eingelagert, um sie ab dem Frühjahr 2025 wieder neu zu verlegen.
Die Menge der ursprünglich verlegten Bodenplatten reichte für die Neuverlegung bei Weitem nicht aus. Glücklicherweise gibt es heute noch immer die Möglichkeit, Tonplatten nachzuproduzieren oder auf Rest- und Lagerbestände spezialisierter Unternehmen zurückzugreifen.
Die nachproduzierten Tonplatten wurden in mühseliger Arbeit Stück für Stück von Hand mit dem nötigen Wissen und einiges an Muskelkraft hergestellt. Die Rohmasse, aufgetürmt zu ungefähr 50 Zentimeter hohen Stapeln, wurde in einen vorgefertigten Holzrahmen gepresst, der dem gewünschten Plattenmass entsprach. Anschliessend zog man die Masse auf die gewünschte Plattenstärke ab. Die Brennung erfolgte in mehreren Durchgängen bei variierenden Temperaturen zwischen 996 und 1025 °C, um die farblichen Unterschiede der ursprünglichen Platten nachzuahmen. Nach dem Brennvorgang stand einer Verlegung nichts mehr im Weg. Mit der Produktion der Tonplatten war die Firma Ganz Baukeramik in Embrach betraut.

Aufgrund unterschiedlicher Anforderungen sowie angepasster Aufbauten der modernen Böden ist es nicht immer möglich, die Platten in ihrer ursprünglichen Verlegemethode zu verlegen.
Eine wichtige Rolle spielt die geplante Nutzung der Bodenfläche, wobei öffentliche Räume und privat genutzte Räumlichkeiten unterschiedliche Anforderungen aufweisen. Heutige Bodenaufbauten sind mit den Böden von damals nicht vergleichbar: Unzählige Leitungsführungen, Dämmungen, Bodenheizungen, Tritt- und Raumschall sowie unterschiedliche Belastungen der Belagsfläche sind in der Planung zu berücksichtigen. Entsprechend ist eine saubere Planung und Koordination aller beteiligten Gewerke unerlässlich, um ein mängelfreies Werk zu garantieren. Heutzutage ist es schwierig, das nötige Know-how und Fachpersonal für die Verlegung historischer Bodenbeläge zu finden. Leidenschaft, gute Kontakte in der Branche sowie Erfindergeist und Mut sind zwingend, um solche Projekte erfolgreich zu realisieren.

Eine weitere Herausforderung sind die industriellen Klebemörtel. Sie sind mit vielen Zusatzstoffen bestückt, die für industrielle Keramikplatten und heutige Anwendungstechniken zeitgemäss sind. Doch im Altbau und der Denkmalpflege sind diese Produkte nicht immer gern gesehen. Die Industrie ist bemüht, mit Green-Building, EC1-Produkten und geschlossenen Kreisläufen ihren Beitrag zu leisten, um auch für historische Bauten gute Lösungen anzubieten.
Im Hof zu Wil wurde ein magerer Zementstrich eingebracht, um die im Beton- und Hartfaserplattenuntergrund bereits unebene Oberfläche aufzunehmen. Ebenfalls war es dadurch möglich, diverse Höhenunterschiede an benachbarte Räume, Treppenaufgänge sowie Belagsübergänge anzupassen und so einem Wunsch der Bauherrschaft entgegenzukommen.

Um auch die natürlichen Unterschiede der Plattenstärke aufzufangen, erfolgte die Verlegung der Tonplatten mit einem klassischen Mittelbett-Natursteinklebemörtel. Die Tonplatten wurden mit minimalen Fugen und in einem unregelmässigen, lebendigen Verlegemuster verlegt, das den handwerklichen Charakter und die deutlich sichtbaren Massunterschiede der Platten bewusst aufnimmt. Das Endergebnis spricht für sich und die Rückmeldungen sind sehr positiv.
Nach der Verlegung und Austrocknung des Klebemörtels wurde die Oberfläche mit einer wässrigen Imprägnierung behandelt, um die Ausfugarbeiten der sehr porösen und somit stark saugenden Plattenoberflächen zu vereinfachen.
Für das Verfugen der handgeformten und sehr porösen Tonplatten stellten sich einige Fragen. Wie lässt sich diese grosse Fläche realisieren, ohne dass der Fugenmörtel aufbrennt, also ohne dass die Fuge spröde, rissig oder stark sandig wird? Wie verändert sich die Oberfläche der Tonplatten nach dem Verfugen? Wie kann man die Fugenarbeiten mit wenig oder sogar ganz ohne Zement ausführen? Fragen über Fragen und niemand konnte wirklich helfen.
Nach unzähligen Versuchen hatte man eine praktikable Lösung gefunden: Ein Sand-Zement-Gemisch wurde trocken eingebracht und anschliessend gewässert und nachgewaschen. Die Lösung mit dem trocken Einbringen verhinderte, dass die Fugenmasse direkt aufbrannte. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass die Oberfläche rustikaler und ursprünglicher aussieht und somit dem neuen Belag ein älteres Aussehen verleiht.
Mit der Herausforderung, dass in zwei Etappen neue Tonplatten nachproduziert wurden und ein Bestand ursprünglicher Tonplatten gerettet werden konnte, stellte sich die Frage, wo welche Platten verlegt werden.
Die ersten Räume konnten mit den neu erstellten Tonplatten verlegt werden. Hier wurden jeweils Platten aus den unterschiedlichen zwei Produktionszyklen kombiniert. Ein historisches Zimmer (Blaues Zimmer) sowie ein kleiner Eingangs- und Zwischenbereich wurden komplett mit historischen Platten belegt. Ein besonderes Highlight sind die Beläge mit einer Kombination von historischen und nachproduzierten Platten. Nach anfänglicher Skepsis hat sich der Mut des Architekten aber ausgezahlt.
So erzählt heute jede Fläche im Hof zu Wil ihre eigene Geschichte und unterstreicht eindrücklich die Vielfalt und Einzigartigkeit von Keramik.



Im letzten Jahrhundert wurden Plattenbeläge zigfach überarbeitet und damit ihrer ursprünglichen Schönheit beraubt. Wir wünschen uns für die Zukunft, dass mit Plattenbelägen sorgfältiger umgegangen wird, um so dem einen oder anderen Zeitzeugen vergangener Jahrhunderte wieder neues Leben einzuhauchen.
Den Bericht finden Sie hier im PDF-Format:
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